Alltagsübung: Der Freude Gewicht verleihen


Der Neurowissenschaftler Rick Hanson beschreibt in seinem Buch „Das Gehirn eines Buddha“, dass unser Gehirn so angelegt ist, dass negative Gefühle sich wesentlich stärker einprägen als positive. Dies hat im Lauf der Menschheitsgeschichte absolut Sinn gemacht, denn es erhöhte die Chance, zu überleben und sich fortzupflanzen. Die Wissenschaft bezeichnet dies als „negative Verzerrung“.

Wir sind die direkten Nachkommen dieser Menschen und haben die negative Verzerrung von ihnen geerbt: Noch heute rinnen positive Erfahrungen durch das Sieb unserer Erinnerung, während negative darin hängenbleiben. Für uns ist dies allerdings weniger Evolutionsvorteil als Ursache von Leid.

Die gute Nachricht ist: Unser Gehirn kann sich jederzeit umstrukturieren, abhängig davon, womit sich unser Geist beschäftigt. Die Psychologie nennt dies „Erfahrungsabhängige Neuroplastizität“. Wollen wir die negative Verzerrung zurechtrücken, müssen wir also einfach den positiven Erfahrungen mehr Gewicht geben. Praktischerweise reichen dazu die vielen kleinen Freuden des Lebens: die Freude an einem Lächeln, am Duft von frischem Kaffee oder der Tatsache, dass noch genug Milch im Kühlschrank ist. Dies hat nichts mit positivem Denken zu tun, bei dem wir uns die Dinge „schönreden“. Wir geben nur den positiven, angenehmen Erfahrungen etwas mehr Gewicht und korrigieren so die Tendenz unseres Gehirns, das Negative überzubewerten. Das dies funktioniert, bestätigt uns nicht nur die moderne Hirnforschung, in vielen alten Schriften, wie beispielsweise im Werk „Der Weg des Bodhisattva“ von Shantideva wird davon berichtet, dass Qualitäten wie Freude, Liebe oder  Mitgefühl ähnlich einem Muskel trainiert werden können.

Mache es dir für eine Woche zur Aufgabe, deine Aufmerksamkeit auf positive Erfahrungen zu richten. Lasse sie nicht unbemerkt vorübergehen, sondern sammle sie auf wie kostbare Edelsteine. Wenn du irgendwo warten musst oder gerade einen Augenblick Pause hast, suche das Positive am gegenwärtigen Augenblick oder erinnere dich einfach an Momente der Freude, des Wohlgefühls oder der Geborgenheit. Mit ein wenig Übung wird es dir leichtfallen, in jedem Augenblick kleine Freuden zu erspüren. Nimm das jeweilige Gefühl für etwa 10 Sekunden mit deinem ganzen Sein wahr und lasse es dann wieder los. Willst du besonders schnelle Ergebnisse, praktiziere die Übung auch unmittelbar vor dem Einschlafen und direkt nach dem Aufwachen.

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