Einblick und Ausblick


Ich habe keine Ahnung, wie es nun weitergeht. Werde ich wieder Ausbildungen anbieten können? Werden die Menschen den (finanziellen und emotionalen) Freiraum haben, sich mit Spiritualität zu befassen? Denn Spiritualität ist ein Luxusgut. Sie kann nicht blühen, wenn wir uns um Dinge wie die persönliche Freiheit und andere existentielle Bedürfnisse sorgen. So wie mir geht es den meisten von euch. Und wir gehen unterschiedlich damit um. Da gibt es die Negierer, die bis jetzt so tun, als wäre alles in Ordnung. Dann sind da die Pessimisten, die vom Schlechtesten ausgehen, um nur ja nicht überrascht zu werden. Und die glücklichen Besitzer einer rosa Brille, die sich einreden, dass wir „gehalten sind von einer höheren Macht, die nur unser Bestes will“. Was sie alle übersehen, ist die Möglichkeit, sich einfach der Tatsache zu stellen, dass wir keine Ahnung haben, wie es weitergeht – dass wir gerade keinen Boden unter den Füßen haben. In Wirklichkeit nie hatten. Unsere scheinbare Sicherheit ist Resultat von etwa 80 stabilen Jahren. Das ist in Anbetracht der Menschheitsgeschichte, die immer von Unsicherheit geprägt war, ein Wimpernschlag. Aber da es die durchschnittliche Lebenserwartung eines Menschen umfasst, hat es ausgereicht, uns in scheinbarer Sicherheit zu wiegen.

Und so möchte ich euch auffordern, offen zu sein. Einen Blick auf die Unsicherheit zu wagen, euch der Angst zu stellen, die damit höchstwahrscheinlich verbunden ist. Mit freundlicher Neugier. Erst einmal nur für ein paar Sekunden. Getragen von ganz viel Wärme und Mitgefühl. Das ist es, was wir in der Meditation üben. Jeder, der meditiert, hat also einen gewissen Vorteil. Doch jeder Mensch besitzt die Fähigkeit dazu, jeder hat die beiden Flügel, die uns durch alle Höhen und Tiefen des Lebens tragen: Offenheit und Mitgefühl. Wenn wir diese beiden Flügel ausbreiten, entstehen Verbundenheit, Dankbarkeit, Humor, Vertrauen ins Leben und ein Geborgensein im Augenblick.

Während ich dies schreibe, wird mir bewusst, dass meine Arbeit als Meditationslehrerin auch in der neuen Normalität ihren Platz haben wird. Denn dieses kleine Virus hat uns gezeigt, dass es keine Sicherheit gibt. Viele werden es wieder vergessen, werden den Kopf zurück in den Sand der Normalität stecken. Doch andere werden sich erinnern, dass wir üben müssen, mit dem zu sein, was ist. Und ich freue mich darauf, diese  Menschen in der Meditation zu treffen. 

Buchempfehlung: Pema Chödrön: Das Unwillkommene Willkommen heißen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.