Lebensübung – Mitfühlendes Verweilen


Unser gewohnter Umgang mit unangenehmen Empfindungen besteht darin, vor ihnen zu flüchten: In eine Geschichte über sie, in Unterdrückung, in Ablenkung oder in Gleichgültigkeit. Diese Flucht hat jedoch keinen Erfolg, denn jede Emotion ist Energie und löst sich nicht von selbst auf, nur weil wir ihr keinen Raum geben; Noch schlimmer: Sie lädt auch noch seelisches und körperliches Leid in unser Leben ein. Zu allem Überfluss schneidet sie uns von unserem Mitgefühl ab – der einzigen Linderung für unseren Schmerz. Mit der Übung des Mitfühlenden Verweilens  gehen wir einen völlig anderen Weg. 

Schließe die Augen und wähle einen emotionalen oder physischen Schmerz, den du gerade empfindest oder den du mit Hilfe einer Erinnerung hervorrufen kannst. Mit der Einatmung öffne dich diesem Gefühl, umarme es, gib ihm den Raum, um zu sein. Die  Ausatmung verbinde mit einem Gefühl von Weite, Linderung und Entspannung. Wiederhole dies für einige Atemzüge.

Sei dir bewusst, dass es nicht darum geht, das jeweilige Gefühl aufzulösen; es geht nur darum, nicht vor ihm zu flüchten und so Leid zu verursachen. Zugleich wird jedes Gefühl, dem du mit Mitfühlendem Verweilen begegnest, ganz von selbst zu seiner Zeit wieder vergehen. 

Möglicherweise fällt dir diese Übung im Alltag leichter als auf dem Meditationskissen, da die jeweiligen Gefühle dann unmittelbarer sind. Die Herausforderung im Alltag liegt wiederum darin, sich an das Mitfühlende Verweilen zu erinnern (besonders bei intensiven Emotionen). Beginne also mit Kleinigkeiten – einer Ungeduld, einem kleinen Ärger, einem Moment der Langeweile. 

Es wäre wunderbar, wenn möglichst viele Menschen sich diese Übung zu einer „Lebensübung“ machen, denn sie verhindert, das Schmerz zu Leid wird. Zugleich ist sie die Vorbereitung auf die intensivste und stärkste Übung, die ich  kenne – das Tonglen. Du wirst das Tonglen in einem der nächsten Beiträge kennenlernen. 

 

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